Während in den Regalen der Geschäfte mit den Dingen, die Menschen nicht brauchen, die übrigen Einhornbadeinseln des Vorjahres gelegt werden, nimmt Horst Priknitzky in seinem Wohnzimmer die Rosi aus der Vitrine.
Behutsam setzt er sie auf seine linke Hand. Zärtlich streicheln seine weichen Wurstfinger ihren pinken Schopf, zwirbeln spielerisch an ihrem kleinen Horn. Genüsslich lächelt Horst. Schon in seiner Kindheit interessierte er sich für Einhörner.

Plötzlich klingelt es an der Haustür. Im Vorgarten steht ein hagerer Journalist. Hektisch drückt er auf die Knöpfe seiner digitalen Armbanduhr. Nicht mehr als 15 Minuten dürfe das Interview dauern, sonst könne er bei dem Satz von 0,3 Cent pro Buchstaben am Ende nicht einmal seine Busfahrkarte bezahlen. „HmHmHm“, vor ihm ein Räuspern. Der Journalist blickt auf und sieht: Horst Priknitzky. Dicker Bauch, weißes T-Shirt, Halbglatze, in der linken Hand ein Plastikeinhorn. „Rosi“, wie er erklärt. Die Augenbrauen des Journalisten wandern nach oben, jetzt bloß nicht sarkastisch werden. Immerhin ist das einer der bekanntesten Männer des Landes.

Die beiden gehen ins Innere des Hauses. Auf Regalen, Setzkästen und Kommoden – hunderte starrender Augenpaare, weißgelekte grinsende Mäuler – eine Armee aus Plastik in weiß, grau und regenbogenfarben. Horst Priknitzky hatte es geschafft!

Als Gentechniker aufgrund unethischer Tierversuche entlassen, war er jahrelang arbeitslos gewesen. Fotos von sich und seiner Einhornsammlung avancierten ihn jedoch erst zur Ikone des Internets und schließlich zum erfolgreichsten Influencer Deutschlands. Horst in Einhorn T-Shirt, auf Einhorn-Schaukelpferd, mit Einhorn-Schokolade. Wenn etwas noch nicht Einhorn war, sobald Horst es anfasste, aß oder öffentlich kommentierte, druckten die Firmen wie wild weiße Fabelwesen auf ihre Waren. Wer sich schon immer fragte, warum sogar Rückenkratzer mittlerweile im Einhorndesign produziert werden, der wahre Grund ist Horst Prignitzky.

Dabei war er nicht immer so beliebt gewesen. „Haha, da kommt der hornige Horst“, rief der gleichaltrige Jürgen seiner Kindheit, „Horst, das einfältige Einhorn!“, prahlte der dicke Bernhard, wenn Horst mal wieder auf seiner euphorischen Suche nach echten Einhörnern vollkommen allein durch Wälder und Felder zog. Immer und immer wieder gängelten Sie ihn mit neuen Namen und befleckten seine Passion, sodass Horst schließlich auf ein Klosterinternat floh, erst Biologie und dann Gentechnologie studierte, um sein Leben ganz den Einhörnern zu widmen. Dem Beweis ihrer Existenz.

„Was haben sie gesagt?“ Der Journalist blickt von seinem Notizblock auf. „Einhörner existieren wirklich, ich kann es ihnen beweisen!“
Schallendes Gelächter entfährt dem Schreiberling. Horst Priknitzky schluckt einen zornigen Kloß herunter und presst dem Journalisten ein siegessicheres Lächeln entgegen. Willig lässt sich dieser zum Garten führen. Auf der gefliesten Terrasse erblickt er zu seiner Überraschung tatsächlich ein vierbeiniges großes Tier – ein Horn ziert die Mitte seines Kopfes, das weiße Fell glänzt erhaben im sommerlichen Sonnenschein.
„Wollen Sie mich verarschen?“, ruft der Journalist empört. „Das sieht aus wie eine Kreuzung aus Pony und Bergziege.“
Wieder lächelt Horst Priknitzky. „Und wenn schon“, antwortet er gelassen und schubst den Mann mit voller Wucht gegen das einhornige Tier. Routiniert drückt es die Stirn nach vorn und erlegt den Journalisten mit einem einzigen Stich ins Herz.

Rote Blutstropfen spritzen auf die Brust des weißen Tieres als es mit wolfsähnlichen Fangzähnen den Erstochenen verspeist. Andächtig beobachtet Horst Priknitzky die Szenerie. Arm um Arm, Bein um Bein schlingt das Tier gierig hinunter. Als nicht mehr als eine rote Pfütze die Terasse ziert, pult Horst Priknitzky eine zerflederte Visitenkarte aus den Zähnen des Tieres hervor. Das kleine Porträtfoto ist kaum noch zu erkennen, daneben jedoch der Name: Jürgen Feldmann. Vierzig Jahre hatte er ihn nicht mehr gesehen, doch keinen Tag vergessen.

„Und nächste Woche bring ich dir den Bernhard“, säuselt Horst dem weißen Ungetüm ins Ohr. Liebevoll tätschelt er den rot bespritzten Hals, als es unerwartet aus dem Bauch des Tieres piepte. Das Geräusch einer digitalen Armbanduhr.

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