„Einen ECHTEN Berliner hab ich NOCH NIE getroffen. Aber du berlinerst ja gar nicht!“
„Nö, hab ich auch noch nie. Meine Freunde auch nicht. Meine Eltern? Naja, ’n bisschen vielleicht. Es sind eher die Brandenburger, die berlinern. … Wie, ich sehe nicht aus wie ein echter Berliner?“

In Berlin aufgewachsen zu sein, heißt mit einer Menge Klischees konfrontiert zu werden, die sich zumeist auf die Zugezogenen beziehen, auf die man im Zuge dessen eine konsequente Abneigung entwickelt. Nicht jeder Berliner sagt ick oder ernährt sich von Currywurst und dennoch gibt es gewisse Charakteristika, die uns vereinen.

So gehört der wahre Berliner einer bestimmten Weltvorstellung an:

Nach unserer Auffassung dauert das Durchqueren einer Stadt mindestens ZWEI-EIN-HALB-Stunden, alles darunter verdient den Namen Stadt nicht und ist ein Kaff.
Aus diesem Grund haben es die Menschen in unserer Welt eilig.
Daher ist es auch eine Katastrophe, wenn sich die öffentlichen Verkehrsmittel nur um fünf Minuten verspäten. Dann beschwert sich der Berliner lauthals, ohne zu wissen, dass in anderen Regionen wie dem Ruhrgebiet die Pünktlichkeit einer Bahn bei zehn Minuten NACH Fahrplan beginnt.

Überhaupt: In anderen deutschen Städten haben die Einwohner das Schlendergen in die Wiege gelegt bekommen. Doch nicht so der Berliner! Lernen die Jüngsten von uns zu gehen, dann bereits im Ausfallschritt. In dieser Gangart bewegen wir uns beständig fort, egal wo. Selbst in einer Schlenderregion machen wir uns den Weg frei, indem wir drängeln, komme was wolle. Wir drängeln im Supermarkt, auf der Bahnhofstreppe oder dem Klo. Schlendern treibt uns in den Wahnsinn, wutentbrannt steigern wir uns in mathematische Kalkulationen, berechnen den aktuellen Zeitverlust und die Potenz der maximalen Steigerung dieser Sinnlosigkeit. Andere mögen das für arrogant halten, doch der Berliner kann nichts dafür.

Auf in die große weite Welt gehen, das hat für uns die gleiche Bedeutung wie bei der Tante zum Tee eingeladen zu sein.

Was ist schon die große weite Welt, wenn man Berlin gewohnt ist?
Wir kennen irgendwie schon alles, denn im Grunde sind wir alle Jetsetter. Wir haben den Flughafen vor unserer Haustür, darum waren wir schon überall, sodass nichts für uns neu ist und man alles irgendwo bereits gesehen hat. Dublin hat bunte Türen wie London, das Gulasch in Prag schmeckt wie das Gulasch in Wien und die Palmen am Mittelmeer sehen sowieso überall gleich aus.

Sollten wir dennoch irgendwo noch nicht gewesen sein, kennen wir jemanden vor Ort, der selbst schon mal in Berlin war und uns herzlichst seine Gastfreundschaft angeboten hat. Denn fast alle haben mal hier gelebt und einige Zeit zum Ruf der aufregenden Partymetropole beigetragen.
Somit bräuchten wir EIGENTLICH auch nirgendwo hinfahren – es kommt doch eh Alles zu uns – Die große Kunst der MoMA, der Circe du Soleil oder die wichtigsten Celebritys wie dem Papst oder dem Dalai-Lama. Das macht uns nicht stolz oder so, es ist einfach nichts Besonderes. Dafür fehlt es dem Berliner jedoch an anderen Dingen: Wir kaufen zwar unsere Brötchen beim gleichen Bäcker wie die Merkel, vom Weizenanbau haben wir jedoch keine Ahnung.

Wir sind Stadtkinder.

Wir lachen, wenn eine Kuh scheißt oder ein Esel IA macht. Für uns stinken Schweine und Spinnen sind zutiefst ekelig. Einige haben aufgrund ihrer extremen Naturferne sogar eine paranoide Angst vor Vögeln entwickelt. Zwitschern ist für jene Gruppe von Städtern kein meditativer Entspannungslaut, sondern ein Ruf von Hitchcocks verhängnisvollen Vögeln. Ja, es ist wirklich nicht weit her mit unserem Naturverständnis. Das merken wir vor allem, wenn wir zum ersten Mal realisieren, dass Wandern nicht Spazieren gehen bedeutet und dass die Müggelberge  keine echten Berge sind.

Dabei sollte man den Berliner aber auch nicht über einen Kamm scheren.

Ist man am Rande aufgewachsen, hat man nach innerstädtischem Glauben auf dem Land gelebt und war immer ein bisschen uncooler als die Jugend aus Friedrichshain und Mitte. Überhaupt, auch diese ganze Ost-West-Thematik darf nicht unterschlagen werden! Selbst Kinder aus den 80er und 90ern haben auch heute noch Vorurteile gegen die von der anderen Seite. Nicht etwa, weil wir es augenscheinlich erfahren haben, sondern weil es uns mit der Muttermilch eingeflößt wurde. In Ostberlin aufgewachsen zu sein, heißt beispielsweise zu glauben, dass Westberliner zwei linke Hände haben, sich deshalb für alles einen Handwerker holen müssen und dass darum das, was sie am besten können, das Geldausgeben ist.
Wir Ostdeutsche hingegen, haben auch noch zu unserer Hochzeit das Geld von unserer Jugendweihe. Denn wir sind nicht nur sparsam, wir sind Horter. Alles könnte man irgendwie nochmal gebrauchen, nichts wird weggeworfen. Sollte es zum Notstand kommen, werden wir das Land beherrschen, denn niemand ist so gut mit nützlichen Dingen ausgestattet wie der Ostdeutsche.

Im Osten aufgewachsen zu sein, bedeutet auch Dreiviertel, anstatt Viertel vor zu sagen und kaum etwas über Religion zu wissen. Was wir jedoch gut wissen, ist, wo es die billigsten Zigaretten gibt. Die bekommt man nämlich auf dem Polenmarkt, genau wie super guten Lachsschinken, Schaschlik oder schrill farbige Kinderkleidung.
Ja, ich wette auch ihr hattet einen lila Pullover mit einer gelb-grünen Mickeymouse darauf.

Den haben wir dann auch beim Urlaub an der Ostsee getragen, wo Mutti und Papi uns an den FKK Strand geschleppt haben.
Gerade diese Momente verdrängen wir heute, wenn man uns fragt, wie es war im Osten aufzuwachsen. Mit dieser Frage wird man häufig konfrontiert – auch wenn es die Mauer in der Kindheit vielleicht schon gar nicht mehr gab.
Denn auf der ganzen Welt können die Leute was mit unserem Wohnort anfangen. Welcher Italiener weiß zum Beispiel, wo Osnabrück liegt. Aber Berlin, davon haben alle schon gehört, da wo früher die Leute eingesperrt waren und heute jeder hin will.

In Berlin aufgewachsen zu sein, heißt auch, sein Leben lang von Brandenburg umgeben gewesen zu sein.

Deren Bewohner halten sich auch für Berliner, was nun wirklich gar keinen Sinn macht. Denn der Brandenburger weiß, wie das mit dem Weizenanbau funktioniert und dass Kühe große Fladen kacken. Außerdem hat er ein Auto, was der Berliner meist nicht von sich behaupten kann.
Der hat die S-Bahn. Sie ist Privatchauffeur, Umzugsfirma, Wohnort und Symbol der Heimat. Sie vereint uns täglich und reguliert den Puls der Zeit. Wir sind stolz auf unsere rot-gelbe Bahn, auch wenn wir es niemals zugeben würden. Denn wir sind alle von Natur aus unbeeindruckt.

Wir sind abgeklärte Stadtkinder. Wir sind Berliner. Wir haben Filmpremieren, rote Teppiche und den preußischen Kulturbesitz.  

Wir haben uns, unsere Freunde und Familie, und wahrscheinlich gerade deshalb, auch wenn wir nicht mehr hier wohnen, genau wie Hildegard Knef, noch irgendwo einen Koffer in Berlin.

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